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Zusammenfassung (Deutsch)

Der Terminus Sprachdominanz wird traditionell mit dem unbalancierten Bilinguismus in Verbindung gebracht, d.h. er beschreibt eine unausgeglichene Sprachentwicklung bei Kindern, die mit zwei Erstsprachen aufwachsen. Anders als beim monolingualen Kind kann der Erwerb jeder der zwei Erstsprachen unterschiedlich verlaufen. In diesem Fall handelt es sich um eine unbalancierte Sprachentwicklung, das heißt, die zwei Erstsprachen entwickeln sich nicht gleichförmig oder zumindest nicht synchron. Somit entsteht beim doppelten Erstspracherwerb eine Disproportionalität zwischen den betroffenen Sprachen, die in der Mehrsprachigkeitsforschung als „Sprachdominanz“ bezeichnet wird. Dieser Unterschied in der Sprachentwicklung der Erstsprachen wird in der vorliegenden Arbeit bei zehn in Deutschland bilingual aufwachsenden Kindern mit den Sprachkombinationen Französisch-Deutsch, Italienisch-Deutsch oder Spanisch-Deutsch longitudinal untersucht. Dabei wird deutlich, dass das hier präsentierte Phänomen der Sprachdominanz, auch wenn es in Extremfällen Veränderungen unterlegen sein kann, in der Regel im Laufe der Sprachentwicklung konstant bleibt. Andererseits wird hier ein interindividueller Vergleich vorgestellt, bei dem deutlich wird, dass die Sprachentwicklung bilingualer Kinder auch dann voneinander abweichen kann, wenn die sprachlichen Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, nahezu identisch oder mindestens vergleichbar ähnlich sind. Zu Beginn der Untersuchung werden Messmethoden für die Sprachentwicklung und die quantitative Messung der einzelnen Erstsprachbereiche der Sprachproduktion beim frühkindlichen doppelten Erstspracherwerb vorgestellt (u. a. MLU, Upper Bound, Standardabweichung, Lexikonanstieg und Redefluss) auf ihre Eignung überprüft und in jeder Erstsprache an den Daten der bilingualen Kinder angewandt. Diese Kriterien werden teilweise erweitert, sodass eine eventuell vorhandene Differenz zwischen den zwei Erstsprachen eines Kindes für jedes Kriterium gemessen werden kann. Darüber hinaus wird in dieser Arbeit ermittelt, ob und wie eine unbalancierte Sprachentwicklung sich auf anderen Faktoren wie das unausgeglichene Sprachverstehen beider Erstsprachen, eine verzögerte Sprachentwicklung der verschiedenen grammatischen Bereiche und die intersententialen bzw. intrasententialen Sprachmischungen (Code switching) auswirken kann. Es wird somit die Sprachdominanz nicht als Ursache für die unbalancierte Sprachentwicklung gesehen, sondern als Auslöser für die Anwendung einer bilingualen oder monolingualen Strategie, die in verschiedenen Verläufen der Sprachentwicklung sichtbar und messbar wird. Sobald sich die Sprachdominanz auswirkt, also in den Spracherwerbsdaten sichtbar wird, verfolgt das bilinguale Kind eine monolinguale Erwerbstrategie, die eine Parallelität beim simultanen Spracherwerb verhindert.

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