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Zusammenfassung (Deutsch)

Der Soziologe Burkard Sievers entwickelte Mitte der 1990er Jahre ein Modell zur Betrachtung unternehmerischer Organisationen, das - entgegen der in den Wirtschaftswissenschaften gängigen ökonomisch-rationalen Fokussierung - von einer Interdependenz psychischer wie sozialer Verhaltensweisen in Organisationen ausgeht. Sievers prägte hierfür den Begriff der psycho-sozialen Dynamik. Der Soziologe versteht die psycho-soziale Dynamik als ein Prinzip einer systemischen Betrachtungsweise von Organisationen insofern, als hiermit das komplexe Ineinander seelischer und gesellschaftlicher Einflüsse, die auf Menschen in Organisationen einwirken, beschreibbar wird. Entscheidend wird für Sievers besonders, dass nun auch unbewusste Reaktionen in ökonomischen Prozessen zum Gegenstand einer wirtschaftswissenschaftlichen Analyse werden.

Sievers betrachtet die Entstehung sowie die Auswirkungen der psycho-sozialen Dynamik im Kontext ihrer Zeit und im Hinblick auf die Effektivität und Zielverwirklichung von Wirtschaftsunternehmen. Dabei geht er davon aus, dass die Psyche des Menschen durch psychotische und nicht-psychotische Anteile geprägt ist. Die psychotischen Anteile betrachtet Sievers als normale Reaktionen und Verhaltensweisen der Menschen zur Angstbewältigung und -–vermeidung, auf die die Menschen in der Bewältigung ihres Alltagslebens im Privaten und in Organisationen immer wieder zurückgreifen, unabhängig davon, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht.

Wenn man Martin Walsers Epik als ein System von Handlungsmotivationen, manifestiert in Verhaltensweisen und Träume der Figuren, versteht, dann ließen sich mit Hilfe des Sieverschen Prinzips die in Walsers epischer Welt oft opaken Handlungsmotivationen, Verhaltensweisen und Träume der Figuren mit Hilfe einer Reflexion ihrer psycho-sozialen Dynamik präziser auf ihre verborgenen Ursachen untersuchen. Das Sieversche Prinzip wird dabei als ein Deutungsparadigma für Walsers Texte verwendet, insofern es erlaubt, literaturpsychologische und literatursoziologische Betrachtungen zu verschränken und zugleich die Walsers Werk prägenden Zusammenhänge von Handlungsmotivationen und Figurenentwicklung herauszuarbeiten. Voraussetzung zur Transformation einer ursprünglich rein soziologischen Methode in das Feld fiktionaler Texte ist die ausgeprägte mimetische Qualität von Walsers Texten, die der Autor selbst in seinem umfangreichen essayistischen Werk immer wieder für seine - wie die Literatur überhaupt - gefordert hat.

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