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Abstract (German)

In der bisherigen Forschung zur schulischen Leistungsbeurteilung wurde der Mangel an Validität, Objektivität und Reliabilität bei der Zensurengebung vielfach diskutiert, da diesem eine besondere Relevanz in Hinblick auf Versetzungsentscheidungen und den weiteren akademischen sowie beruflichen Werdegang eines Schülers zukommt. Neben diesen gütebezogenen Mängeln in der Notenvergabe kommt aber auch anderen Faktoren eine entscheidende Bedeutung für das Zustandekommen von Schulleistungen zu: Die subjektiven Erklärungen einer Lehrperson können solche Erwartungen und Einstellungen begünstigen, die sich explizit (z. B. über Feedback) oder implizit (z. B. über sich selbsterfüllende Prophezeiungen) auf die Leistung und leistungsrelevante Konstrukte der Schülerin/ des Schülers (z. B. das Fähigkeitsselbstkonzept) auswirken.

Ein systematisches Attribuierungsmuster solcher subjektiver Erklärungen beschreibt der Correspondence Bias, demzufolge eine Person bei der Suche nach den Hintergründen für das Verhalten einer anderen Person die situativen Umstände außer Acht lässt und gleichzeitig entsprechende personenbezogene Aspekte überbetont. Die Ursachen dieses Verarbeitungsmusters konnten bislang nicht vollständig aufgedeckt werden. Bei Schüler*innen mit Zuwanderungsgeschichte können solche dysfunktionalen Attribuierungsprozesse besondere Tragweite haben – zeigt sich für diese Gruppe in der aktuellen Forschungsliteratur doch eine Benachteiligung in Bezug auf Leistungsbeurteilungen und Übergangsempfehlungen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es 1.) zu klären, ob Lehrpersonen bei der Einschätzung von Schulleistung ihren Fokus auf schülerbezogene Faktoren (z. B. „mangelnde Begabung“) legen, und 2.) inwieweit diese Tendenz in einer diagnostisch bedeutsamen Situation (gefährdete Versetzung) sowie in einer Situation mit hohen situationsbezogenen Erwartungen (Abiturprüfung) auftritt. Zudem wird 3.) der Frage nachgegangen, inwieweit Zusammenhänge zwischen den Anordnungen unterschiedlicher Ursachen (z. B. „mangelnde Begabung“ oder „schulische Beanspruchung“) auf den Attributionsdimensionen Locus, Stabilität und Kontrollierbarkeit sowie den Leistungsattribuierungen der Lehrkräfte bestehen. Des Weiteren wird untersucht, ob 4.) mit den migrationsbezogenen Werthaltungen und Überzeugungen der Lehrkräfte spezifische Ursachenzuschreibungen einhergehen.

Im Rahmen eines experimentell ausgerichteten Versuchsplans schätzten 192 Gesamtschullehrkräfte die Bedeutung von jeweils sechs Ursachen (z. B. mangelnde Mühe, schulische Beanspruchung) für das Leistungsverhalten eines Schülers in zwei Fallvignetten ein und ordneten diese Ursachen den drei Attributionsdimensionen Locus, Stabilität und Kontrollierbarkeit zu.

Ergebnisse: Lehrpersonen überschätzten personal-stabile Faktoren nicht generell. Hypothesenkonform schrieben die Lehrpersonen aber der personal-stabilen Ursache „mangelnde Begabung“ eine signifikant größere Bedeutung zu, wenn die Schulnote die Nicht-Versetzung des Schülers (vs. Versetzung) zur Folge hatte (Vignette 1). Zwischen den Situationen Abiturprüfung vs. Übungssituation (Vignette 2) zeigte sich kein Unterschied in der Gewichtung personal-stabiler Ursachen. Als Prädiktor für die Attribution „mangelnder Begabung“ sowie schülerbezogener „Ängstlichkeit“ konnte die Einschätzung dieser Faktoren als stabile Ursachen identifiziert werden. Die Manipulation der Herkunft des Protagonisten der Vignette (deutsch vs. türkisch) hatte keine Veränderung im Attributionsmuster der Lehrpersonen zur Folge. Je stärker jedoch die Vorurteile hinsichtlich der schulischen Lernmotivation von Schüler*innen mit Migrationshintergrund und je ausgeprägter die negativen Überzeugungen in Bezug auf kulturelle Heterogenität ausfielen, desto häufiger wurde den deutschen und türkischen Schülern zusammengenommen „mangelnde Begabung“ zugeschrieben.

Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund aktueller Befunde und Modelle (z. B. dem Kontinuum-Modell der Eindrucksbildung) interpretiert und die eingesetzten Instrumente konzeptionell sowie methodisch diskutiert. Dabei werden Bezüge zu schulbezogenen Konzepten (z. B. der Bezugsnormorientierung) und zu kognitionspsychologischen Konzepten (z. B. der attributionalen Komplexität) hergestellt. Möglichkeiten der Sensibilisierung für eigene Wahrnehmungs- und Attribuierungsprozesse in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften werden vorgestellt und im Hinblick auf bestehende Programme diskutiert.

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