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Abstract (German)

Die Dissertationsschrift "Die Formen der Symbolisierung in der frühen erzählenden Prosa Heinrich Bölls (1937-1947)" erfüllt das Ziel der Untersuchung der stilistischen und inhaltlichen Merkmale der ersten prosaischen Schriften Heinrich Bölls. Die Grundlage für diese Untersuchung bilden sechs Kurzgeschichten und der erste Roman Bölls mit dem Titel "Kreuz ohne Liebe". Aus der formalen Sprachanalyse dieser Texte geht ein - nicht selten abruptes - sprachliches Oszillieren hervor zwischen Nüchternheit und Ehrlichkeit auf der einen Seite und Überladung mit expressionistischen, romantischen und christlich symbolischen Elementen auf der anderen. Die Interpretation deckt eine "immer präsente mythologisch-theologische Problematik" als ontologische Bestimmung des böllschen Erzählens auf, die dem thematischen Muster Problem - Reaktion - Lösung folgt: Glaube und Liebe als Reaktion auf das Problem des Leids, Menschwerdung im Diesseits und Katharsis im Jenseits als Lösung.

Ausgang der Überlegungen im Hauptteil der Arbeit ist, dass die ersten Schreibversuche Bölls das Ergebnis zwei Einflusssphären darstellen: "Einer formalen, also der Wunsch sich auszudrücken überhaupt, und einer religiösen". Ausgedrückt werden sollte die erlebte Zeitproblematik der Armut und der Krieges. In der Anlehnung der Böllschen Frühprosa an die Realität findet sich die Auswahl seines Personals begründet, das überwiegend aus Außenseitern, Überlebenskämpfern und Kriegsopfern besteht. Ihr Leid hängt mit den verzerrten Werten in der modernen Gesellschaft und der Kirche und mit der allgemein herrschenden Ahnungslosigkeit und dem Drang nach Reichtum und Macht zusammen. Das Autobiographische erklärt darüber hinaus die Abwesenheit von Helden, besonders ersichtlich im Krieg, wo die Soldaten als Opfer eines langweiligen, sinnlosen Betriebs und der Allmacht der Offiziere auftreten.

Eine expressionistisch inspirierte Symbolhaftigkeit vermag dem Schmerz in Armut und Krieg Ausdruck zu geben. Expressionistisch wird das aussichtslose Leben am Rande der Stadt aufgezeichnet, die Ausnutzung und Demütigung der Armen, die daraus entstandene Entfremdung, Selbstisolation und die hieraus resultierenden Selbstmordgedanken. Ebenso wird die Entwertung der Menschenwürde im Nationalsozialismus und im Krieg dargestellt, der Hass, die Angst, die Einsamkeit und die Verzweiflung, die sie hervorruft. Böll hebt den Nationalsozialismus und den Krieg anhand von mythischen und biblischen Elementen in eine metaphysische Dimension empor, wo der Nationalsozialismus als Religion des Teufels und der Krieg als Hölle auftreten.

Der Glaube und die Liebe, die Natur und die Musik erwecken in den Menschen das Humane, das, vom Leid gepeinigt, zu verschwinden droht. Diese Art von Erlösung wird in hochästhetischen Metaphern und Vergleichen, romantisch gefärbten Illustrationen und poetischen Übertreibungen erfasst. Das rein menschliche Muster wird ins religiöse Sakrale erhoben, christliche Symbole und Elemente stellen die Verkörperung der christlichen Werte im Alltag als diesseitige Erlösung und Wegbereiter der Erlösung im Jenseits dar.

Bölls Frühprosa warnt vor einer Wiederholung der Geschichte, richtet sich gegen die Apathie, die Leere und die Hoffnungslosigkeit und preist die Bedeutung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung in schwierigen Zeiten an. So erfüllt sie eine doppelte heimatstiftende Funktion: erstens bewahrt sie die Erinnerung, Vorrausetzung für die Heimat und zweitens macht sie das Land in der Literatur durch die "Ästhetik des Humanen" bewohnbar und bietet hiermit dem Leser einen Vorschlag für ein "bewohnbares Land" in der Realität an.

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