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Abstract

Digitale repräsentative Korpora werden vorgestellt als eine Variable im Dreieck von Fragestellung, Methodik und Gegenstandsbereich und damit eine der Möglichkeiten, neue Erkenntnisse über Literatur zu gewinnen. Doch ein Fach oder eine Teildisziplin ,Korpusliteraturwissenschaft' gibt es (noch) nicht, nicht so jedenfalls, wie es Korpuslinguistik als einen Bereich der Sprachwissenschaft gibt, der in systematisierender wie historischer Absicht natürlichsprachliche Äußerungen sammelt. Auch spricht man in der Literaturwissenschaft und selbst in der Literaturgeschichte nur selten von einem Quellenkorpus, wie das in historischen Fächern üblich ist, wenn unter Quellen die je nach Fragestellung systematische Zusammenstellung möglichst breit angelegter Sammlungen von Zeugnissen verstanden wird. Außerdem fehlt in der Literaturwissenschaft weitgehend die Verbindung von qualitativen und quantitativen Methoden der Textanalyse, wie sie in der Linguistik zu finden ist. Das Fehlen einer Korpusliteraturwissenschaft kann auf drei Entwicklungen in der Literaturwissenschaft zurückgeführt werden. Erstens ist die Literaturwissenschaft stark am Kanon der besonderen Werke ausgerichtet, was auch literaturwissenschaftliche Editionen betrifft. Hinzu kommt zweitens der Bedeutungsverlust der Literaturgeschichtsschreibung seit den 1990er Jahren, als mit dem Ende der Sozialgeschichte

als leitendes Forschungsparadigma eine integrierende Fragestellung für die Literaturgeschichte an Geltung verloren hat.

Schließlich ist drittens die Literaturwissenschaft fachsystematisch weit von der Linguistik weggerückt. Deren empirische

Ansätze qualitativen wie quantitativen Typs spielen in der Literaturwissenschaft kaum eine Rolle. Nicht zuletzt hat der bestimmende antiszientifische Impuls die Literaturwissenschaft weit von der stärker methodenorientierten Linguistik entfernt.

Eine an Traditionen der Philologie nach August Boeckh anknüpfende Korpusliteraturwissenschaft hätte jedoch gegenüber bloß quantitativen und IT-gesteuerten Ansätzen mehrere Vorteile: Sie stünde zunächst in einer Tradition, die qualitative, hermeneutische Vorgehensweisen pflegt, also kritische und kontextualisierende Verfahren. Die Korpusliteraturwissenschaft fände damit besonders fruchtbare Bedingungen für die Verschränkung von quantitativen und qualitativen Verfahren. Zudem würde eine Korpusliteraturwissenschaft, die das philologische Sammeln, Katalogisieren und Verfügbarmachen von textuellen Zeugnissen zu ihrer Praxis machte, die stichhaltige Modellierung der in Anschlag gebrachten Theorien und Begriffe zentral stellen. Schließlich ist für die Korpusliteraturwissenschaft die Qualität der Daten ein zentrales Anliegen.

Der Aufsatz diskutiert Vorarbeiten und Ansätze und zeigt ein Anwendungsbeispiel, das Korpus der Literarischen Moderne (KOLIMO).