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Abstract

Die Untersuchung von Arzt-Patienten-Gesprächen wird in der linguistischen Gesprächsanalyse viel und fruchtbar betrieben. Die vorliegende Arbeit stellt eine linguistisch gesprächsanalytische Untersuchung zu Arzt-Patienten-Interaktionen bezogen auf Fälle dissoziativer Bewegungsstörungen dar. Laut der medizinischen Hypothese zur Genese dissoziativer Bewegungsstörungen tritt das Krankheitsbild auf, weil die Betroffenen Konflikten, Ängsten und Spannungen ausgesetzt sind, die sie unbewusst unterdrücken. Es liegt ein Konzept gestörter Verbalisierbarkeit vor.

Durch die explorative Untersuchung von sieben Gesprächen werden in der vorliegenden Arbeit sprachliche Strategien identifiziert, die Arzt und Patienten bei der Schilderung von selbstständigen Körperbewegungen sowie ungewöhnlichen Körperempfindungen in Fällen dissoziativer Bewegungsstörungen nutzen. Das Gespächsverhalten auf Seiten des Arztes stellt sich als wesentlich auf die Detaillierung von Körperhandeln und Körpererleben durch den Patienten ausgerichtet heraus. Auf Seiten der Patienten lässt sich dagegen eine Tendenz zur Vermeidung von Detaillieren beobachten, wobei diese in manchen Fällen schwach, in anderen stark ausgeprägt ist.

In einer fallübergreifenden Analyse wird dann ein Gesprächsmechanismus herausgearbeitet, der über alle Gespräche hinweg wirksam zu sein scheint: Arzt und Patienten wechseln an aus ihrer Perspektive als problematisch markierten Stellen immer wieder die Strategie. Makrostrukturell führt dies zu einer Art interaktiver Suchoperation nach der geeigneten Strategie zur Körperschilderung. In der Regel stellt diese ein Rückgriff auf Bildlichkeit dar, entweder auf sprachlicher Ebene oder unter Einbezug einer anderen Modalität.

Die Ergebnisse der Arbeit sind bestätigend für die bisherigen Erkenntnisse der Bielefelder Anfallsgesprächsforschung. Sie haben zudem das Potenzial, im Sinne einer engen Anwendungsperspektive in die Differenzialtypologie epileptischer und anderer anfallsartiger Erkrankungen einbezogen zu werden. Darüber hinaus könnten sie den Ausgangspunkt für eine anwendungsorientierte Analyse im weiten Sinne zur Entwicklung einer good-practice für Ärzte im Gespräch mit Patienten mit dissoziativen Bewegungsstörungen darstellen.

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