<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000528-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>7.9.1908</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen</note> <quote type="rdg">R. DIEFFENBACHER | HEIDELBERG</quote>, <note>gedruckter Briefkopf</note> <quote type="rdg">III. Internationaler Kongress | für Philosophie Heidelberg 1908 | Präsidium: Dr. Windelband, | Landfriedstrasse 14. | Heidelberg, den …</quote>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_60</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0528" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000528-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1908-09-07">7.9.1908</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118522779">Benedetto Croce</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118653245">Emile Boutroux</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11726718X">Ferdinand Canning Scott Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118607626">Friedrich Schiller</name><name>Georg Stuart Fullerton</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118509578">Henri Bergson</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118785281">Hugo Münsterberg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116148314">Isaak Benrubi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118750062">Josiah Royce</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119126370">Xavier Léon</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>7.9.1908</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen</note> <quote type="rdg">R. DIEFFENBACHER | HEIDELBERG</quote>, <note>gedruckter Briefkopf</note> <quote type="rdg">III. Internationaler Kongress | für Philosophie Heidelberg 1908 | Präsidium: Dr. Windelband, | Landfriedstrasse 14. | Heidelberg, den …</quote>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_60</ref></head></front><body><dateline>7.9.08.</dateline><salute>Lieber Freund und Kollege,</salute><p>Nachdem sich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3270"/>der Schwarm verlaufen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3270"/> hat, ist mein Erstes, Ihnen zu schreiben, um Ihnen auszusprechen, wie herzlich ich, wie lebhaft wir Sie vermisst haben. ich sah es ja leider als selbstverständlich voraus und finde es in der Rücksicht auf Ihre Gesundheit durchaus begründet, dass Sie nicht kommen konnten. Eben deshalb glaubte ich es nicht verantworten zu können, etwa vorher noch darum zu bitten. Nun aber will ich es Ihnen nicht verschweigen, dass Sie mir an allen Ecken und Enden gefehlt haben, weil eben doch der Gedanke auf Sie gerichtet war, sobald ernsthafte Probleme zur Sprache kamen. Und sie kamen zur Sprache. Der geistige Inhalt des Kongresses war verhältnismässig reich und hoch; der Verlauf nicht nur äusserlich glatt und wohlgelungen, sondern <pb/> auch innerlich so erfreulich, wie ich es kaum erwartet hatte. Namentlich mit den Franzosen verstanden wir uns recht gut, nicht blos wegen der sympathischen Persönlichkeiten, von <name>Boutroux</name> und <name>Xavier Léon</name>, sondern auch sachlich: und in dieser Hinsicht konnte meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3271"/>Einführung zu <name>Bergson</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3271"/><name/>, die ich Ihnen hierbei schicke, als Signatur des Moments gelten. Wenn Sie dessen Schriften noch nicht kennen sollten, so lege ich sie Ihnen sehr ans Herz: Sie sind einer der wenigen, die ihnen in jeder Hinsicht gewachsen sind; <abbr>d. h.</abbr> die Grenzen ihrer Ergebnisse zu würdigen wissen.</p><p>Auch mit den Amerikanern gingʼs auf <pb/> dem Kongresse sehr gut; <name>Münsterberg</name> trug wesentlich dazu bei, und <name>Royce</name> ist eine prächtige Figur, die kennen gelernt zu haben mir höchst wertvoll ist. Unter den Italienern hatte <name>Croce</name>, dessen Vortrag sachlich ersten Ranges war, leider aus sprachlichen Gründen nicht den verdienten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3272"/>Erfolg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3272"/>, mehr einen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3273"/>Succès dʼestime<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3273"/>, – während die andern, Konventionalisten, Pragmatisten, Positivisten sehr zurücktraten. Aus dem selben Grunde haben die Engländer, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3274"/><name>Schiller</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3274"/> an der Spitze, schlecht abgeschnitten und sich nicht wohl gefühlt.</p><p>Alles in allem bin ich froh, dass wir mit einem blauen Auge davon gekommen sind und die Sache, die doch im Ganzen eine sehr erfreuliche Erinnerung ist, glücklich hinter <pb/> uns haben. Uebermorgen gehen meine Frau und ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3275"/>zur Kur nach Baden im Aargau<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3275"/>: ob wir bei der Rückkehr im Anfang October über Freiburg kommen und dort Station machen, bleibt dahingestellt: ich wünschte es sehr, um meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3276"/>Zusage des Besuchs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3276"/> einzulösen, der leider im Sommer bei der schauderhaften Ueberlastung meiner Zeit absolut nicht zur Ausführung kommen konnte. Wie ich höre, bleiben Sie im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3277"/>eignen, schönen Heim<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3277"/>: ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und uns guten Fortgang Ihrer Arbeit!</p><p>Mit getreuem Gruss von Haus zu Haus der Ihrige</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-3270"><lem>der Schwarm verlaufen</lem><note>der Schluß des III. Internationalen Kongresses für Philosophie war am 5.9.1908. Rickert hatte nicht teilgenommen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3271"><lem>Einführung zu <name>Bergson</name></lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband: Zur Einführung. In: Henri Bergson: Materie und Gedächtnis. Essays zur Beziehung zwischen Körper und Geist. Autorisierte <abbr>u.</abbr> <abbr>v.</abbr> <abbr>Verf</abbr>. selbst durchgesehene Übertragung mit Einführung <abbr>v.</abbr> Windelband. Jena: Eugen Diederichs 1908, <abbr>S.</abbr> III–XIV. Selbstanzeige in: Die Philosophie der Gegenwart. Eine internationale bibliographische Jahresübersicht über alle auf dem Gebiete der Philosophie erschienenen Zeitschriften, Bücher, Aufsätze, Dissertationen usw. in sachlicher und alphabetischer Anordnung. <abbr>Hg</abbr>. <abbr>v.</abbr> Arnold Ruge. Ausgabe für 1908/09, <abbr>S.</abbr> 71: </note><rdg>Die Stellung Bergsons in der heutigen Philosophie wird unter dem Gesichtspunkt charakterisiert, daß sie im prinzipiellen Gegensatze gegen die naturwissenschaftlich einseitige Weltanschauung des Materialismus und Positivismus von einer spekulativen Psychologie aus zu einer idealistischen und mystischen Metaphysik vorzudringen sucht.</rdg><note> <abbr>Vgl</abbr>. <name>Henri Bergson</name> an <name>Isaak Benrubi</name> vom 20.8.1908: </note><rdg>M. Windelband m’écrit qu’il a terminé la préface de „Matière et Mémorie“, et qu’il l’a envoyée à l’impression. Je serais heureux de la lire dès maintenant, de manière à pouvoir en parler avec quelque détail à M. Windelband dans la lettre où je l’en remercierai. Auriez vous l’obligeance de demander à M. Diederichs de m’adresser une copie ou une épreuve? (</rdg><note>Henri Bergson: Correspondances. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> André Robinet. Paris: Presses Universitaires de France 2002, <abbr>S.</abbr> 219) – und an denselben vom 6.9.1908 (<abbr>dass</abbr>., <abbr>S.</abbr> 222): </note><rdg>Vous avez sûrement lu l’introduction de M. Windelband à „Matière et Mémoire“. Elle est admirablement faite. Je lui ai écrit à ce sujet, mais je ne suis pas arrivé à lui dire tout le bien que j’en pense. Il a dit beaucoup de chose en peu de mots. En particulier, il a tracé une admirable esquisse de la tâche qui incombe à la philosophie à l’heure actuelle. </rdg><note>Es ist kein Schreiben <name>Bergson</name>s an Windelband überliefert.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3272"><lem>Erfolg</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Bericht von <name>Georg Stuart Fullerton</name> aus Heidelberg vom 7.9.1908 in: The Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods 5 (1908), <abbr>Nr.</abbr> 21 vom 8.10.1908, <abbr>S.</abbr> 573–577, hier <abbr>S.</abbr> 574 über <name>Croce</name>s Vortrag: </note><rdg>It is to be regretted that the adress was in the Italian language, for it was full of suggestive thoughts, and it is to be feared that many of the members present did not catch its full significance.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-3273"><lem>Succès dʼestime</lem><note><abbr>frz.</abbr> Achtungserfolg</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3274"><lem><name>Schiller</name></lem><note><name>F. C. S. Schiller</name></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3275"><lem>zur Kur nach Baden im Aargau</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Eduard Schwartz vom 30.9.1908</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3276"><lem>Zusage des Besuchs</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 8.6.1908</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3277"><lem>eignen, schönen Heim</lem><note>errichtet nach eigenem Entwurf in der Thurnseestraße 66, Freiburg, <abbr>vgl.</abbr> Rickert an Windelband vom 8.3.1910 sowie an Paul Siebeck vom 16.12.1915: </note><rdg>möchte ich Ihnen mittheilen, daß ich in voriger Woche einen Ruf nach Heidelberg erhalten und gestern Abend angenommen habe. Ich gehe nicht gern von Freiburg fort, und unter den gegenwärtigen Verhältnissen bedeutet die Übersiedlung ein materielles Opfer. Mein Haus ist, so lange der Krieg dauert, nicht zu verwerten. Aber es ist eine Ehrenpflicht für mich, als Windelbands Nachfolger zu wirken, und da darf und will ich nicht Nein sagen</rdg><note> (zitiert nach: <abbr>UB</abbr> Leipzig, Nachlass Köhnke, NL 330/3/1/4, Klaus Christian Köhnke/Rüdiger Kramme: Abschlußbericht Logos, Teil 2 (Archiv-Katalog) 1916–33; Stichtag 16.11.1993, <abbr>S.</abbr> 445).</note></app></listApp></back></text></TEI>