<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000258-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>24.2.1897</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0258" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000258-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1897-02-24">24.2.1897</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118795686">Eduard Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118790951">Erwin Rohde</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116024437">Georg Kaibel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117122025">Otto Wallach</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>24.2.1897</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>iE</abbr> 24/2 97</dateline><salute>Liebster Freund,</salute><p>Seit Weihnachten weiß ich wieder einmal Nichts von Dir – et vice versa – und es ist höchste Zeit, daß wir vor Semesterschluß wieder in Verbindung geraten; denn ich wünsche und hoffe dringend, daß uns die Ferien irgendwie und irgendwo zusammenführen möchten!</p><p>Der Winter war, obwohl es mir mit dem Gebein und dem sonstigen Körper ganz leidlich ergangen ist, doch im Ganzen trübe: immer Nebel und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1701"/>schlabbriges Getreibe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1701"/>. Und an der Universität haben wir ja – ich hatte zum Glück direct damit nichts zu tun – gar <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1702"/>viel Wunderliches erlebt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1702"/>, eine wahre Lawine von Thorheit und Mißgeschick! Aber das Wunderlichste ist doch <pb/> zum Schluß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1703"/>mir<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1703"/> geschehen: sie haben mich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1704"/>wieder zum Rector gewählt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1704"/>, zum <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1705"/>Rector für das Jubiläumsjahr<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1705"/>, das unter diesen Wetterzeichen sich eröffnet! Ich habe mich bis zum Letzten dagegen gewehrt, und ich habe es schließlich erst geduldet, als ich nicht anders tun durfte! So ist es weit mehr verantwortungsvoll als ehrenreich! und vor Allem grenzenlos mühsam und arbeitsvoll. Schon jetzt muß ich natürlich all die Festvorbereitungen in die Hand nehmen, – eine recht wissenschaftliche Lebensweise, nicht wahr? Aber es ist nun einmal so, daß man es aus des Geschickes Händen nehmen muß, wie man seine Bestimmung erfüllen soll, und dann immer noch denken soll: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1706"/><span type="el">καλὴν λατρεία λατρεύω</span><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1706"/>! <pb/></p><p>Daß wir es nicht vermocht haben, <name>Kaibel</name> zu fesseln, geht mir sehr nahe: es ist leider wohl typisch für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1707"/>Strassburg’s Geschick<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1707"/>! Nachher haben wir vergebens unsre Hand auf <name>Rohde</name> ausgestreckt. Es war nicht aussichtslos, ihn zu bekommen; und wenn von unserm Kurator die Sache feiner und entschlossener geführt worden wäre, so hätten wir es wohl erreicht. Nun hoffen wir mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1708"/><name>Schwartz</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1708"/> auch gut zu fahren; die günstige Meinung, die ich aus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1709"/>seinem „Roman“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1709"/> für ihn gefaßt hatte, ist mir bei seinem persönlichen Erscheinen hier nur bestätigt worden; freilich sind es die Eigenschaften impetuöser Schneidigkeit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1710"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1711"/>in utramque partim<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1710"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1711"/>!, die ich von ihm erwarte.</p><p>Und nun, Lieber, was machst Du in den Ferien? ich will etwa vom 10. <pb/> März bis Ende des Monats irgendwo diesseits oder jenseits der Alpen Ruhe, Sonne und Kraft suchen; nachher vom 1 April an bin ich hier angebunden und sehr in Anspruch genommen. Richte Dich, wenn Du gen Süden fährst – vielleicht mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1712"/><name>Wallach</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1712"/><name/>? – so ein, daß Du mich (oder uns!) irgendwie siehst! Hast Du bestimmte Pläne, so teile sie mit, vielleicht kann ich mich danach richten – wenn Du hin oder rückreisend bei uns vorsprechen kannst, – nichts willkommner! Ein Zimmerchen ist stets für Dich bereit. Denke daran, wenn Du planst, – und schreibe!</p><p>Mit den herzlichsten Grüßen der Meinigen Dein getreuer</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1701"><lem>schlabbriges Getreibe</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1702"><lem>viel Wunderliches erlebt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Heinrich Rickert</name> vom 26.12.1896 und an <name>Karl Dilthey</name> vom 2.1.1897</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1703"><lem>mir</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1704"><lem>wieder zum Rector gewählt</lem><note>nach 1894</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1705"><lem>Rector für das Jubiläumsjahr</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Vaihinger</name> vom 17.2.1897</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1706"><lem><span type="el">καλὴν λατρεία λατρεύω</span></lem><note>Lesung unsicher, mehrfach verschrieben <abbr>u.</abbr> mit fehlerhafter Orthographie. Sinn unklar, als Sentenz nicht ermittelt (<abbr>gr.</abbr> latreia: der Dienst, latreiou: dienen).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1707"><lem>Strassburg’s Geschick</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 2.1.1897</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1708"><lem><name>Schwartz</name></lem><note><name>Eduard Schwartz</name> (1858–1940), Altphilologe <abbr>u.</abbr> Kirchenhistoriker, 1887 <abbr>o. Prof.</abbr> in Bonn, 1893 in Gießen, 1897 in Straßburg, 1902 in Göttingen, 1909 in Freiburg, 1914 wieder in Straßburg (1915/16 Rektor), 1919 in München (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1709"><lem>seinem „Roman“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Eduard Schwartz: Fünf Vorträge über den griechischen Roman. Berlin: Reimer 1896.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1710"><lem>in utramque partim</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1711"><lem>in utramque partim</lem><note>so wörtlich, lies </note><rdg>in utrimque partim</rdg><note>, <abbr>lat.</abbr> von beiden Parteien her</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1712"><lem><name>Wallach</name></lem><note>der Freund seit Schülertagen, <name>Otto Wallach</name> (1847–1931), Chemiker in Göttingen.</note></app></listApp></back></text></TEI>