<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001280-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>20.11.1916</date>, <note>3 S., hs., Briefentwurf</note>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1209 (3), zuerst abgedruckt in: Helmut Holzhey: Der Marburger Neukantianismus in Quellen. Basel/Stuttgart: Schwabe 1986 (Cohen und Natorp Bd. 2), S. 460–462.</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1280" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001280-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</persName><placeName>Marburg</placeName><date when="1916-11-20">20.11.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11865361X">Bruno Bauch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118519522">Ernst Cassirer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1209 (3), zuerst abgedruckt in: Helmut Holzhey: Der Marburger Neukantianismus in Quellen. Basel/Stuttgart: Schwabe 1986 (Cohen und Natorp Bd. 2), S. 460–462.</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>20.11.1916</date>, <note>3 S., hs., Briefentwurf</note>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1209 (3), zuerst abgedruckt in: Helmut Holzhey: Der Marburger Neukantianismus in Quellen. Basel/Stuttgart: Schwabe 1986 (Cohen und Natorp Bd. 2), S. 460–462.</bibl></head></front><body><p>Herrn G<add>[eheimen]</add> R<add>[at]</add> <abbr>Prof.</abbr> <abbr>Dr.</abbr> H. Vaihinger</p><p>Halle/S.</p><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1901"/>Marburg 20. Nov<add>[ember]</add> 1916<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1901"/></dateline><salute>Hochverehrter Herr Kollege!</salute><p>Lange habe ich gezögert, aber ich würde mir wie ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1902"/>halber Lügner vorkommen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1902"/>, wenn ich es länger schweigend herumtrüge und nicht Ihnen offen ausspräche, wie der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1903"/>Aufsatz von <name>Bauch</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1903"/> im letzten Heft der Kantstudien und die dadurch entstandenen Unstimmigkeiten in der sonst so friedlichen Kantgesellschaft schon die ganze Zeit auf mir lasten. Ich traue dem Kollegen <name>Bauch</name> keinerlei Übelwollen zu weder gegen Juden noch gegen sonst jemand auf der Welt. Aber er hätte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1904"/>als Geschäftsführer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1904"/> einer vornehmen philosophischen Gesellschaft und als Herausgeber allerwenigstens bedenken sollen, daß er durch diesen Aufsatz die schwersten Mißverständnisse heraufbeschwor; daß in einer Zeit, wo Juden ebenso wie andre Deutsche draußen ihr Blut für uns vergießen, die Aufrührung der Rassenfrage sicher nicht am Platze war; daß überhaupt diese Frage die erfahrungsmäßig alle bösen Leidenschaften <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1905"/>aufwühlt,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1905"/> kein Thema für eine philosophische Zeitschrift ist. Nicht Juden und Judenfreunde allein empfinden das, sondern alle, denen Philosophie eben hoch über der Linie solcher Fragen steht. Ich habe zwar keinen Grund Ihnen zu verbergen, daß mir die Sache auch um meiner näheren Freunde willen leid ist. Die K<add>[ant]</add> St<add>[udien]</add> selbst haben <name>Cohen</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1906"/>zu seinem 70. Geburtstag hoch geehrt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1906"/>. Und dieser Mann hat – ganz abgesehen von seinem wissenschaftlichen Bemühen um den <pb/> deutschesten Philosophen – seit mehr als einem Menschenalter vielleicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1907"/>so viel wie kein andrer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1907"/> getan, Verständnis und Anerkennung des im tiefsten Sinne begriffenen deutschen Geistes auch unter seinen Glaubensgenossen zu erhalten und zu stärken. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1908"/>Und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1908"/> <name>Cassirer</name>, ein Mann, der nach Charakter und Persönlichkeit wie nach seinen Leistungen unser aller Achtung verdient, ist soeben in seinem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1909"/>neuen Werk<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1909"/> für den deutschen Geist mit ebenso warmer Gesinnung wie feinem und sachlich tiefem Verständnis <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1910"/>gegen den Haß, den heute der Deutsche in aller Welt erfährt,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1910"/> eingetreten. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1911"/>Solchen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1911"/> Männern setzt nun dieser Aufsatz, das kann objektiv doch nicht zweifelhaft sein, den Stuhl vor die Türe. Indessen: wert ist mir die Kantgesellschaft, wert <name>Cohen</name> und <name>Cassirer</name>, aber werter die <hi rend="underline">Sache der Philosophie</hi>. Um ihretwillen am meisten bedaure ich das Erscheinen dieses Aufsatzes. Denn, ganz abgesehen von den Thesen, streitet er mit Waffen, gegen die man wehrlos ist. Denn wer mag die ausländischen Zeitungsverkäufer zu Zeugen aufrufen, an welchen Eigenschaften sie den Deutschen erkennen, oder den Kronprinzen, ob er <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1912"/>in dem angeführten Wort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1912"/> die Rassenechtheit oder einfach die Vaterlandstreue hat betonen wollen? Mit einem Wort, unser Kollege hat sich, weiß Gott unter welchen unseligen Einflüssen, sehr ernstlich verhauen. Er sollte es selber einsehen und irgendwie, es ist freilich nicht leicht zu sagen wie, die Sache <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1913"/>wieder gut machen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1913"/> Schon die Bekundung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1914"/>ernstlichen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1914"/> Willens dazu <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1915"/>würde<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1915"/> beruhigend wirken. <pb/></p><p>Jedenfalls aber lag mir daran, daß <hi rend="underline">Sie</hi>, verehrter Herr Kollege, von dem Eindruck, den der Aufsatz bei nicht den schlechtesten Freunden der Kantgesellschaft hervorgerufen hat, unterrichtet seien.</p><p>Mit besten Grüßen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1916"/><abbr>u.</abbr> Wünschen für Ihr Wohlergehen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1916"/> Ihr verehrungsvoll ergebener</p><signed>Paul Natorp.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1901"><lem>Marburg 20. Nov<add>[ember]</add> 1916</lem><note>dazu ein weiterer, vermutlich früherer Entwurf, Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1209 (4), 2 <abbr>S.</abbr>, (in erster Niederschrift mitgeteilt, ohne spätere Streichungen und Einfügungen): </note><rdg>Marburg 20. November 1916. Hochverehrter Herr Kollege! Ich habe lange gezögert, aber ich würde mir wie ein halber Lügner vorkommen, wenn ich nicht endlich doch Ihnen gradeheraus schriebe, wie der Aufsatz von Bauch im letzten Heft der Kantstudien und die dadurch heraufbeschworenen Unstimmigkeiten in der sonst so friedlichen Kant Gesellschaft schon die ganze Zeit auf mir lasten. Ich traue dem verehrten Kollegen keinerlei Haß zu, weder gegen Juden noch gegen irgend Einen. Aber er hätte, als Geschäftsführer einer vornehmen philosophischen Gesellschaft und als Herausgeber bedenken dürfen, daß dieser Aufsatz schwere Mißverständnisse fast unvermeidlich heraufbeschwor; daß überhaupt – zumal in dieser Zeit, wo Juden so gut wie andre Deutsche draußen ihr Blut für uns lassen, die Aufrührung der Rassenfrage zumal in einer philosophischen Zeitschrift nicht am Platze war; überhaupt aber in einer philosophischen [</rdg><note>so wörtlich im Entwurfsstadium</note><rdg>] Zeitschrift ein für allemal nicht hineingehört. Nicht die Juden u. Judenfreunde allein, die das schmerzlich empfinden, es sind alle denen Philosophie eben hoch über der Linie solcher Fragen steht. Ich meinesteils habe sehr übrigens [</rdg><note>so wörtlich im Entwurfsstadium</note><rdg>] keinen Grund Ihnen zu verbergen, daß ich die Sache auch um meiner näheren Freunde willen bedaure. Die Kantstudien haben Cohen zu seinem 70. Geburtstag hoch geehrt. Und dieser Mann hat seit mehr als einem Menschenalter gearbeitet und gekämpft, das | Verständnis und Anerkennung des tiefst begriffenen deutschen Geistes unter seinen Glaubensgenossen zu stärken. Auch Cassirer, ein Mann der nach Charakter und Persönlichkeit ebenso wie nach seinen Leistungen unser aller Achtung verdient, ist soeben in seinem neuen Buch für den deutschen Geist mit ebenso warmer Gesinnung wie feinem u. sachlich tiefen Verständnis gegen den Haß den der Deutsche jetzt von der ganzen Welt erfahren muß, eingetreten. Solchen Männern setzt dieser Aufsatz, das kann denn doch nicht zweifelhaft sein, den Stuhl vor die Tür. Indessen wert ist mir die Kantgesellschaft, wert Cohen und Cassirer, aber werter die Sache. Um ihretwillen am meisten bedaure ich das Erscheinen dieses Aufsatzes. Denn, auch ganz abgesehen von den Thesen, arbeitet er mit Waffen die nicht der Höhe der Philosophie, nicht den Kantstudien [</rdg><note>bricht ab</note><rdg>] gegen die man wehrlos ist, denn soll man etwa den ausländischen Zeitungsverkäufer als Zeugen aufrufen, ob welcher Eigenschaften sie den Deutschen erkennen, oder den Kronprinzen, ob er in dem zitierten Wort die Rasseechtheit oder einfach die Vaterlandstreue hat betonen wollen? Mit einem Wort, unser Kollege hat sich, weiß Gott unter welchen unseligen Einflüssen, sehr ernstlich verhauen. Er sollte es selber einsehen und irgend wie, es ist freilich nicht ganz leicht zu sagen wie wieder gut zu machen suchen. Jedenfalls aber lag mir daran, verehrter Herr Kollege, daß Sie von dem Eindruck den der Aufsatz bei vielen, nicht wenigen der besten Freunde der K[ant] Ges[ellschaft] hervorgerufen hat, unterrichtet seien.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1902"><lem>halber Lügner vorkommen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Briefwechsel von Cohen und Natorp von Oktober/November 1916 in Holzhey: Cohen und Natorp <abbr>Bd.</abbr> 2, <abbr>S.</abbr> 449–460.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1903"><lem>Aufsatz von <name>Bauch</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Gottfried Meyer vom 17.11.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1904"><lem>als Geschäftsführer</lem><note><abbr>vgl.</abbr> dagegen Vaihinger an Natorp vom 23.11.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1905"><lem>aufwühlt,</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>über-</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1906"><lem>zu seinem 70. Geburtstag hoch geehrt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Natorp vom 26.6.1911</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1907"><lem>so viel wie kein andrer</lem><note>Einfügung über der Zeile für gestrichen: </note><rdg>mehr als irgendeiner</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1908"><lem>Und</lem><note>Einfügung über der Zeile für gestrichen: </note><rdg>Auch</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1909"><lem>neuen Werk</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Ernst Cassirer: Freiheit und Form. Studien zur deutschen Geistesgeschichte. Berlin: Bruno Cassirer 1916.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1910"><lem>gegen … erfährt,</lem><note> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1911"><lem>Solchen</lem><note>davor gestrichen: </note><rdg>Und</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1912"><lem>in dem angeführten Wort</lem><note>bei Bruno Bauch: Vom Begriff der Nation. (Ein Kapitel zur Geschichtsphilosophie.) Vortrag, gehalten in der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Jena. In: Kant-Studien 21 ([1916]/1917), <abbr>S.</abbr> 159 heißt es: </note><rdg>Vor allem betont die jüngere Generation mit Energie die völkische Eigenart. Charakteristisch dafür sind die Worte, die unser Kronprinz vor sechs Jahren in Königsberg gesprochen hat: „Wir, die deutsche Jugend, sehnen uns nach Betonung unseres deutschnationalen Volkstums im Gegensatze zu den internationalen Bestrebungen, welche unsere völkische Eigenart zu verwischen drohen.“ Diese Betonung des Völkischen und Nationalen ist aber, darüber sind wir wohl heute hinlänglich durch die allerjüngste Geschichte belehrt, keineswegs allein innerhalb der deutschen Nation lebendig. Sie entfaltet allenthalben unter den verschiedenen Völkern und in den verschiedenen Ländern ihre Kraft. Ja, ist schliesslich nicht auch eine Bewegung, wie die zionistische, unter diesem Gesichtspunkte zu verstehen?</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1913"><lem>wieder gut machen.</lem><note>statt gestrichen: </note><rdg>wieder gut zu machen suchen.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1914"><lem>ernstlichen</lem><note>Einfügung über der Zeile für gestrichen: </note><rdg>des guten</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1915"><lem>würde</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>genügen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1916"><lem><abbr>u.</abbr> Wünschen für Ihr Wohlergehen</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app></listApp></back></text></TEI>