<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000735-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Friedrich Paulsen</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Steglitz bei Berlin</placeName>, <date>24.4.1900</date>, <note>3 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">FRIEDRICH PAULSEN | STEGLITZ BEI BERLIN, DEN … | FICHTESTR. 31.</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–7</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0735" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000735-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118739603">Friedrich Paulsen</persName><placeName>Steglitz bei Berlin</placeName><date when="1900-04-24">24.4.1900</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Plato</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–7</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Friedrich Paulsen</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Steglitz bei Berlin</placeName>, <date>24.4.1900</date>, <note>3 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">FRIEDRICH PAULSEN | STEGLITZ BEI BERLIN, DEN … | FICHTESTR. 31.</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–7</bibl></head></front><body><dateline>24/4 1900</dateline><salute>Verehrter Herr College!</salute><p>Aus Italien zurückkehrend finde ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2310"/>Ihre freundlichen Zusendungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2310"/> vor. Ich hab Ihren Aufsatz gleich gelesen, mit der Empfindung, daß es uns nicht schwer werden kann, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2311"/>über <name>Kant</name> als Metaphysiker uns zu verständigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2311"/>. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2312"/>Natürlich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2312"/> ist diese Metaphysik, die der kritische <name>Kant</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2313"/>festhält<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2313"/> oder neu gewonnen hat, nicht ‚Wissenschaft‘ in dem Sinne, wie die mathematische Physik; natürlich hat der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2314"/>mundus intell<add>[igibilis]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2314"/> nicht ‚Realität‘, wie die Gegenstände der sinnlichen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2315"/>Wahrnehmung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2315"/>. Aber andererseits, <abbr>u.</abbr> das hielt ich eben für notwendig hervorzuheben gegenüber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2316"/>den<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2316"/> agnostizistischen Interpreten: Metaphysik bleibt als Erzeugnis notwendigen Denkens, das notwendig bleibt, auch wenn es nicht in der Anschauung <pb/> seinen Gegenstand darstellen kann. Und dieser Gegenstand hat ‚Realität‘, nur natürlich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2317"/>‚intelligible‘ R<add>[ealität]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2317"/>. Ich möchte auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2318"/>die doppelte Bedeutung des Begriffs ‚Realität‘, wie aller Kategorien, die ich <abbr>S.</abbr> 157/8 angedeutet habe,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2318"/> hinweisen: meines Erachtens ist sie der einzige Weg <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2319"/>für <name>Kant</name>, aus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2319"/> einer Reihe von Schwierigkeiten sich herauszuwickeln.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2320"/>Vortrefflich ist Ihr Hinweis auf <name>Plato</name>s doppelte Art seine Gedanken vorzustellen:<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2320"/> die reine Gedankenwelt als solche ist nicht Anschaulich darstellbar; macht man den Versuch, so kommt der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2321"/>Mythos<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2321"/> heraus: Schöpfung, Präexistenz <abbr>u.</abbr> Abfall <abbr>u.</abbr> Rückkehr <abbr>pp.</abbr> <name>Kant</name> hat die Mythen zu dichten nicht nötig, weil sie in der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2322"/>christl<add>[ichen]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2322"/> Religion in volkstümlicher Form vorliegen. Ich werde, wenn ich zu 1 neuen Auflage es bringen sollte, auf diesen Punkt hinzuweisen nicht unterlassen.</p><p>Wir hatten in Italien <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2323"/>zuletzt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2323"/> herrliche Frühlingstage am <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2324"/>Comer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2324"/> See, nachdem wir <pb/> vorher in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2325"/>Florenz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2325"/> Tag <abbr>u.</abbr> Nacht schmählich gefroren hatten.</p><p>Mit freundlichen Grüssen Ihr sehr ergebner</p><signed>Paulsen</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2310"><lem>Ihre freundlichen Zusendungen</lem><note>genauer Inhalt und etwaiges Begleitschreiben Vaihingers nicht ermittelt, enthalten war aus dem Folgenden <abbr>u. a.</abbr> Vaihinger: Kant – ein Metaphysiker? In: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900 gewidmet. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900, <abbr>S.</abbr> 135–158, <abbr>vgl.</abbr> auch Paulsen an Vaihinger vom 22.11.1899</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2311"><lem>über Kant … zu verständigen</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Paulsen an Vaihinger vom 11.6.1899</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2312"><lem>Natürlich</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2313"><lem>festhält</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2314"><lem>mundus intell.</lem><note> in lateinischer Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2315"><lem>Wahrnehmung</lem><rdg>Wahrnehung</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2316"><lem>den</lem><note>verbessert aus unleserlichem Ansatz</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2317"><lem>‚intelligible‘ R</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Paulsen: Immanuel Kant. Sein Leben und seine Lehre. Mit einem Bildnis und einem Briefe Kants aus dem Jahre 1792. Zweite und dritte Auflage. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff) 1899 (Digitalisat: <ref type="link">https://archive.org/details/immanuelkantsei01paulgoog/</ref> (19.6.2024)), <abbr>S.</abbr> 252: </note><rdg>Kants Standort ist, wie schon oft gesagt, auf Seiten des Idealismus: das Wirkliche selbst ist ideeller Natur; die intelligible Welt ist ein System von konkreten Ideen; so denkt sie mit intuitiver Erkenntnis der absolute Verstand, so denkt sie in abstrakter Erkenntnis der menschliche Verstand, dem die Anschauung der ideellen Welt, da er nur sinnliche Anschauung hat, versagt bleibt. Sie hat demnach für ihn zwar nicht „empirische Realität“ (Gegebensein in sinnlicher Anschauung), wohl aber intelligible Realität: Dasein für das Denken.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2318"><lem>die doppelte Bedeutung … angedeutet habe,</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Paulsen <abbr>a. a. O.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 157–158: </note><rdg>Hier scheint also ein förmlicher Widerspruch vorzuliegen; er ist seit den Tagen der Jakobi, Fichte, Aenesidemus-Schulze Kant immer wieder vorgehalten worden: ohne die Dinge an sich, ohne ihre Wirklichkeit und Wirksamkeit, könne man nicht in das System hinein, mit ihnen könne man nicht darin bleiben. Eine Lösung dieses Widerspruchs ist, so viel ich sehe, nur auf einem Wege möglich: daß man eine [</rdg><note>gesperrt:</note><rdg>] doppelte Bedeutung der Kategorien [</rdg><note>Sperrung Ende</note><rdg>] unterscheidet, eine rein [</rdg><note>gesperrt:</note><rdg>] logisch-transccendente [</rdg><note>Sperrung Ende</note><rdg>] und eine [</rdg><note>gesperrt:</note><rdg>] transscendental-physische [</rdg><note>Sperrung Ende</note><rdg>]. […] die Kategorie der Realität […] bedeutet […] nichts als Gegebensein in der Wahrnehmung, äusserer oder innerer, wenigstens in möglicher Wahrnehmung. Realität in diesem Sinne, empirische Realität, kommt selbstverständlich den Dingen an sich nicht | zu, sondern eine übersinnliche oder transscendente Wirklichkeit </rdg><note><abbr>u. s. w.</abbr> Paulsen bezieht sich, wie die Seitenangabe zeigt, nicht auf die von Vaihinger rezensierte (<abbr>s. u.</abbr>) 1. <abbr>Aufl.</abbr> (Stuttgart: Frommann 1898; dort formuliert Paulsen den Gedanken noch etwas anders, <abbr>vgl.</abbr> <abbr>S.</abbr> 153–154). In der 4. <abbr>Aufl.</abbr> (Stuttgart: Frommann 1904) geht Paulsen erneut auf diese Kontroverse mit Vaihinger ein, <abbr>vgl.</abbr> dort <abbr>S.</abbr> 262, <abbr>Anm.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2319"><lem>für <name>Kant</name>, aus</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2320"><lem>Vortrefflich … vorzustellen:</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Rezension: Immanuel Kant, Sein Leben und seine Lehre. Von Friedrich Paulsen. Mit Bildnis und einem Briefe Kants aus den Jahren 1792, Stuttgart, Fr. Frommann’s Verlag, 1898 – pp. XII, 396. In: The Philosophical Review 8 (1899), <abbr>Nr.</abbr> 3 von Mai, <abbr>S.</abbr> 300–305, hier <abbr>S.</abbr> 303–304, sowie Vaihinger: Kant – ein Metaphysiker? In: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900 gewidmet. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900, <abbr>S.</abbr> 135–158, insbesondere <abbr>S.</abbr> 150–158.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2321"><lem>Mythos</lem><note>davor unleserlicher Ansatz gestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2322"><lem>christl.</lem><note> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2323"><lem>zuletzt</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2324"><lem>Comer</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2325"><lem>Florenz</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app></listApp></back></text></TEI>